
Vor kurzem war ich für meine Reihe „Rheinische Begegnungen“ unterwegs – diesmal hat mich mein Weg nach Niederlahnstein geführt, wo sich die kleine, aber feine Töpferei von Cristina befindet. Schon am Eingang wird klar: Hier entsteht Kreatives. Am Tor hängt eine kleine Tasse mit dem Schriftzug Lucky Pottery – so heißt Cristinas Werkstatt. An einem Sonntagnachmittag hat sie mich eingeladen, ihr Reich der Keramik kennenzulernen.





Cristinas Weg zurück zum Töpfern
Immer wieder bin ich im Oberen Mittelrheintal auf der Suche nach Kunst – und eine Töpferei passt da natürlich perfekt. Cristina hat schon 2001 ihre Ausbildung zur Keramikerin abgeschlossen, doch weil es damals kaum möglich war, davon zu leben, schlug sie einen anderen beruflichen Weg ein. Bis heute arbeitet sie hauptberuflich in einem Industrieunternehmen in Lahnstein, viele Jahre ganz ohne Berührung mit Keramik.
Erst während der Corona-Pandemie kam die Wende: Die ungewohnt freie Zeit weckte in ihr den Wunsch, wieder kreativ mit Ton zu arbeiten. Nach einem Wochenendkurs im Sommer 2020 war ihre Leidenschaft sofort neu entfacht. Sie richtete sich eine kleine Werkstatt im Keller ein und wagte schon im September desselben Jahres den Schritt in die Selbstständigkeit mit der Gründung ihres Kleinunternehmens. Seitdem entstehen in Lucky Pottery handgemachte Stücke, die Cristinas künstlerische Handschrift tragen.
Im Gespräch erzählt sie mir, dass Töpfern für sie vor allem eins ist: ein Ausgleich zum Alltag – eine Möglichkeit, loszulassen und sich künstlerisch zu entfalten.


Von Tassen, die ihre Zeit brauchen
Cristina arbeitet hauptsächlich an der Drehscheibe. „Das kann ich einfach am besten“, sagt sie mit einem Lächeln.
In den Regalen ihrer Werkstatt stehen unzählige Stücke: fertig glasierte, frisch getrocknete und Werke, die noch auf den Brand warten. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsstück antwortet sie ohne Zögern: „Am liebsten mache ich Tassen – davon kann man nie genug haben und sich jeden Tag daran erfreuen.“
Doch bis eine Tasse fertig ist, braucht es Geduld. Nach dem Formen muss sie mehrere Tage trocknen, bevor sie zweimal gebrannt wird. Rund zwei Wochen dauert es, bis aus einem Klumpen Ton ein fertiges, alltagstaugliches Stück entsteht.









Materialien aus der Region
Nicht nur der Prozess selbst, sondern auch die Materialien sind für Cristina entscheidend. Sie bezieht ihre Tonsorten und Glasurrohstoffe von einem Händler im Westerwald:
„Da weiß ich, woher die Rohstoffe kommen – und dass sie funktionieren. Außerdem müssen meine Glasuren auf Lebensmitteltauglichkeit geprüft werden, deshalb wechsle ich ungern.“
Regionalität und Qualität gehen für sie Hand in Hand.


Kreativität ohne Druck – kleine Kurse in der Werkstatt
Da Cristina die Töpferei nur nebenberuflich betreibt, bietet sie kleine Kurse an – die sogenannten Mädelsabende. In drei Stunden können Frauen in geselliger Runde erste Erfahrungen mit Ton sammeln. Die Termine spricht sie individuell mit den Teilnehmerinnen ab. Wie sie den Besuch in ihrer Werkstatt beschreibt? „Meditativ-gesellig würde ich sagen. Man kann hier wunderbar abschalten, aber gleichzeitig eine schöne Zeit mit Freundinnen verbringen.“
Am Anfang eines Kurses gibt Cristina den Teilnehmerinnen eine wichtige Botschaft mit: „Hier wird niemand bewertet – alles, was ihr herstellt, ist Kunst!“ Oft sei die Erleichterung spürbar, erzählt sie, denn viele hätten noch die strengen Kunststunden aus der Schule im Kopf. Sobald dieser Druck genommen sei, gingen die meisten viel entspannter ans Werk – und am Ende seien sie überrascht, wie viel kreatives Potenzial in ihnen steckt.
Meistens sind sie auch überrascht, dass das Töpfern schwieriger ist, als es aussieht!





Keramikkunst im Tal und darüber hinaus
Wie wird die Keramikkunst im Oberen Mittelrheintal angenommen? „Ganz gut“, erzählt Cristina. „Da ich meine Keramik hauptsächlich auf Instagram zeige, ist meine Kundschaft schon eher überregional.“ Doch durch Freunde und Verwandte haben es ihre Stücke sogar schon bis nach Namibia, Brasilien und Irland geschafft.
Und wer sich nun fragt, wo man Cristinas liebevoll getöpferte Werke bekommt – die gute Nachricht: Man kann sie tatsächlich erwerben! Entweder ganz bequem über ihren Onlineshop oder indem man Cristina einfach direkt, z. B. über Instagram, anschreibt.



Austausch mit anderen Kreativen
Cristina arbeitet nicht im Alleingang. Sie ist mit Lucia Becker (LEB Ceramics) und Leonie Dries (Atelier an der Linde in Geisenheim) befreundet, mit denen sie sich regelmäßig kreativ austauscht und auch gemeinsam Projekte umsetzt. Darüber hinaus ist Instagram für sie ein wichtiger Ort der Vernetzung: „Dort gibt es eine tolle Community von Keramikerinnen und Keramikern, mit denen ich mich austausche.“
Kunst im Oberen Mittelrheintal
Auf die Frage, ob Kunst gerade hier im Tal eine besondere Bedeutung hat, ist Cristina eindeutig: „Kunst ist immer wichtig – egal wo. Es kann nie zu viel Kunst geben!“ Und wie einfach ist es, hier als Kunstschaffende zu leben und zu arbeiten? Für Cristina persönlich: Unkompliziert. „Da ich schon immer hier wohne, würde ich sagen: Es ist einfach. Und weil ich es nur nebenberuflich mache, habe ich die Freiheit, genau das zu töpfern, was mir Spaß macht – ohne finanziellen Druck.“
Cristinas Ausblick auf die BUGA29 und der Wunsch nach Wandel
Mit Cristina habe ich nicht nur über das Töpfern gesprochen, sondern auch über die BUGA29, den Wandel der Region und ihre Eindrücke vom Oberen Mittelrheintal. Cristinas Werkstatt zeigt: Das Obere Mittelrheintal ist ein Ort voller Kreativität, Gemeinschaft und Möglichkeiten.
Auch auf die kommende BUGA29 freut sich Christina sehr. Besonders, dass sie bis nach Lahnstein kommt und die Region insgesamt davon profitieren wird. Ein Projekt begeistert sie dabei besonders: die geplante Fahrrad- und Fußgängerbrücke über das Hafenköppchen.
Wie nimmt Cristina den Wandel in der Region im Vorfeld der BUGA29 wahr? „Bisher noch gar nicht“, sagt sie ehrlich. „Ich hoffe, das kommt bald – die Region hat so viel Potenzial!“

Ausblick auf die Zukunft
Und was wünscht sie sich für die Zukunft – für sich, ihre Töpferei und das Tal?
„Ich wünsche mir, dass ich weiterhin meine Keramik herstellen und vermarkten kann. Und dass die Region eine ähnliche Entwicklung zeigt wie Koblenz zur BUGA 2011.“


Als ich die Töpferei Lucky Pottery verlasse, nehme ich die Gewissheit mit, dass im Oberen Mittelrheintal weit mehr Kreativität steckt, als man auf den ersten Blick vermutet – und dass Kunst und Handwerk das Tal bereichern und weit über seine Grenzen hinausstrahlen.
